Geschäftsbericht 2020

Brief des Vorstandsvorsitzenden

Sehr geehrte Aktionärinnen, sehr geehrte Aktionäre,

hinter uns liegt ein außergewöhnliches Jahr. Die globale Pandemie hatte auf Gesellschaft, Politik und Weltwirtschaft erhebliche Auswirkungen und damit auch auf Daimler. Wir haben an allen Standorten frühzeitig reagiert und eine Reihe von wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen. Unsere oberste Priorität war und ist dabei, die Gesundheit der Menschen zu schützen. Gleichzeitig haben wir unsere Liquidität gesichert, Zukunftsprojekte weiter vorangetrieben und wichtige Weichen unseres langfristigen Kurses gestellt. Unsere finanziellen Ergebnisse haben 2020 die Erwartungen insbesondere dank eines starken vierten Quartals deutlich übertroffen. Insgesamt ist es uns gelungen, Daimler gut durch schwieriges Fahrwasser zu steuern. Der Dank dafür gilt meinen Kolleginnen und Kollegen – für ihren unermüdlichen Einsatz, ihre große Flexibilität, und ihren starken Zusammenhalt.

Im Jahr 2020 haben sich in Summe 2,8 Millionen Kunden für ein Fahrzeug von Daimler entschieden. Unser Umsatz betrug 154,3 Milliarden Euro. Das EBIT aus dem laufenden Geschäft stieg um 53 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro. Unsere Nettoliquidität im Industriegeschäft lag bei 17,9 Milliarden Euro. Unterm Strich stand ein Konzernergebnis von vier Milliarden Euro. Vorstand und Aufsichtsrat werden der Hauptversammlung eine Dividende von 1,35 Euro pro Aktie vorschlagen.

Wie haben die einzelnen Geschäftsfelder zu diesem Ergebnis beigetragen?

2,5 Millionen Pkw und Vans hat die Mercedes-Benz AG 2020 abgesetzt. Angesichts des herausfordernden Umfelds sind wir damit zufrieden. Mercedes-Benz hat seine Position als weltweit führender Premiumhersteller behauptet. Unsere nachhaltige Geschäftsstrategie spiegelt sich auch zunehmend im Absatz wider: Die Verkäufe unserer Pkw mit alternativen Antrieben konnten wir 2020 verdreifachen. Die ambitionierten CO2-Grenzwerte in Europa haben wir damit erreicht. Unser größter Markt ist weiterhin China: Mit einem Plus von zwölf Prozent haben wir dort 2020 einen Absatzrekord aufgestellt. Das wichtigste neue Produkt des vergangenen Jahres war die neue S-Klasse. Die Nachfrage für unser Flaggschiff ist auf hohem Niveau. Vom Band läuft das Auto in der »Factory 56«. Was lange als Produktion der Zukunft galt, ist in dieser neuen Fabrik bereits Realität: Sie verbindet Flexibilität, Effizienz, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Sie ist ein Aushängeschild der neu definierten Strategie von Mercedes-Benz. Unser Anspruch: Wir werden die begehrenswertesten Autos der Welt bauen.

Erfreulich entwickelte sich auch der Absatz unserer elektrischen Transporter. In Europa sind wir mit einem Marktanteil von jeweils über einem Drittel Marktführer in den Segmenten der elektrischen Midsize- und der Large-Vans.

In den Nutzfahrzeugmärkten sind wirtschaftliche Unsicherheiten besonders spürbar. Gegenüber dem Rekordjahr 2019 ging der Absatz der Daimler Truck AG 2020 um über ein Viertel zurück. Die Nachfrage im für uns wichtigen US-Markt zog allerdings wieder an. Die Marktführerschaft in fast allen unseren Kernmärkten konnten wir ausbauen. Gleichzeitig haben wir wichtige strategische Weichen gestellt: In China werden wir in wenigen Jahren Mercedes-Benz Lkw produzieren und so das große Potenzial des Marktes noch besser nutzen. Mit Volvo arbeiten wir in einem Joint Venture, um die Wasserstoff-Technologie noch schneller zur Serienreife zu bringen. Außerdem haben wir unsere Strategie beim autonomen Fahren neu ausgerichtet.

Die Entwicklung der Automobilmärkte wirkte sich auch auf das Geschäft der Daimler Mobility AG aus. Das Vertragsvolumen ging zurück, aber wir finanzieren oder verleasen weiter jedes zweite unserer verkauften Fahrzeuge.

Über alle Geschäftsfelder hinweg haben wir 2020 deutliche Fortschritte bei der Effizienz gemacht. Diesen Weg setzen wir mit derselben Disziplin fort. Denn die Pandemie hat erneut verdeutlicht: Effizienz ist die Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.

Mit Blick nach vorn verfolgen wir zwei wesentliche strategische Schwerpunkte: Digitalisierung und Elektrifizierung. In beiden Feldern kooperieren wir mit starken Partnern. So beschleunigen wir nicht nur die technologische Entwicklung, sondern tragen auch die Kosten gemeinsam.

In Sachen Digitalisierung ist 2020 die neueste Generation unseres Infotainment-Systems MBUX an den Start gegangen. Dieses Jahr folgte mit dem »MBUX Hyperscreen« der nächste Meilenstein: einem Bildschirm, der sich nahezu über die gesamte Breite des Cockpits zieht. Damit verbinden wir Design, Technologie und Interaktion im Fahrzeug auf bisher einzigartige Weise. Das System lernt den Kunden dank künstlicher Intelligenz immer besser kennen und liefert ein personalisiertes und an die jeweilige Situation angepasstes Infotainment-Angebot.

Gleichzeitig entwickeln wir eine der intelligentesten Computer-Architekturen für automatisierte Fahrfunktionen, die es je in einem Auto gegeben hat. Ab 2024 werden wir sie über unsere Pkw-Flotte ausrollen. Kundinnen und Kunden können so auch lange nach dem Autokauf immer auf die aktuellste Software, die neuesten Fahrerassistenzsysteme oder die letzte Generation digitaler Services zugreifen. Die Idee: Der Autokauf ist nicht länger der Höhepunkt zwischen dem Kunden und uns, sondern ein Startpunkt.

Den nächsten Schritt bei der Elektrifizierung haben wir Anfang des Jahres mit dem neuen EQA gemacht, dem ersten vollelektrischen Mercedes-EQ Modell im Kompaktsegment. Weiter geht es im Frühjahr mit dem EQS: Unser Elektro-Flaggschiff im S-Klasse Segment hat eine Reichweite von rund 700 Kilometern (WLTP) mit einer Batterieladung. Mit dem EQS ändert sich auch die Art und Weise, wie wir Autos denken. Er ist der erste vollelektrische Mercedes-Benz, den wir von Beginn an als E-Auto entwickelt haben. Das eröffnet neue Möglichkeiten, etwa beim Fahrzeugdesign. Nächstes Jahr wird unser Portfolio acht vollelektrische Mercedes-EQ Modelle umfassen. Die Produktion in unseren eigenen Pkw-Werken ist dann komplett CO2-neutral.

Bei den Vans haben wir für die nächste Generation des eSprinters eine neue Plattform entwickelt. Sie eröffnet uns maximale Flexibilität, etwa bei der Realisierung der zahlreichen Aufbauvarianten. Denn egal ob Verbrennungsmotor oder Elektroantrieb: Die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden stehen im Zentrum unseres Handelns.

Auch bei den Trucks bauen wir das Angebot CO2-neutraler Optionen konsequent aus. Dabei fahren wir einen zweigleisigen Kurs. Dieses Jahr beginnt die Serienproduktion des batterieelektrischen eActros. Für die Langstrecke und schwerere Ladungen entwickeln wir parallel Brennstoffzellen-Lkw. Mit unserem Konzeptfahrzeug »Gen H2«-Truck haben wir einen Ausblick in die Zukunft gegeben: ein Schwer-Lkw mit einer Reichweite von bis zu 1.000 Kilometern. Dies entspricht der eines Diesel-Lkw. Auch bei den Marken Freightliner und FUSO setzen wir unsere Elektrifizierungsstrategie konsequent um und nutzen dabei Synergien.

All diese Beispiele zeigen: Sowohl Marktumfeld und Kundenanforderungen als auch Ansätze bei Technologien und Partnerschaften sind zwischen Pkw und Lkw unterschiedlich. Durch die laufende Transformation verstärken sich diese zunehmend. Um den Wandel erfolgreich zu gestalten, brauchen wir mehr denn je Geschwindigkeit, Agilität und volle Konzentration auf Innovation. Deshalb wollen wir Ihnen im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung im Herbst vorschlagen, einen wesentlichen Mehrheitsanteil von Daimler Truck im Wege der Abspaltung an die Daimler-Aktionäre zu übertragen. Für diesen Fall ist geplant, dass die Transaktion und die Börsennotierung von Daimler Truck bis zum Ende des Jahres 2021 abgeschlossen werden.

Damit wollen wir unserer Lkw- und Bus-Sparte, die volle unternehmerische Freiheit geben – und damit die Möglichkeit, Skaleneffekte noch stärker zu nutzen, die Profitabilität weiter zu erhöhen und noch schneller auf dem Weg zum emissionsfreien Güterverkehr voranzukommen. Gleichzeitig wollen wir das Profil von Mercedes-Benz weiter schärfen: als einem der führenden Anbieter von Luxus-Pkw und Premium-Vans, mit einer starken Marke und dem klaren strategischen Kurs in Richtung Technologieführerschaft, insbesondere bei Elektromobilität und Fahrzeugsoftware.

Mit Unabhängigkeit geht maximale Kundenfokussierung und eine noch größere unternehmerische Verantwortung einher. Das sind die denkbar besten Zutaten, um für Sie, die Aktionärinnen und Aktionäre, einen Mehrwert zu schaffen und das volle Potenzial der Unternehmen freizusetzen.

Für beide Unternehmen führt die Zukunft der Mobilität über Dekarbonisierung und Digitalisierung. Die Weichen für diesen Kurs haben wir strategisch längst gestellt. Die Resultate sind heute auf der Straße erfahrbar und werden in diesem Jahr noch sichtbarer. Gleichzeitig sind wir zuversichtlich, dass wir bei stabilen Rahmenbedingungen auch in unserer wirtschaftlichen Entwicklung den positiven Trend aus dem letzten Jahr fortsetzen können. Denn wir sind überzeugt: Unsere Zukunft wird nachhaltig faszinierend, nachhaltig klimaneutral und nicht zuletzt nachhaltig ertragsstark. Mit Mut, Leidenschaft und Verantwortung gestalten wir diesen Wandel. Ich freue mich, wenn Sie uns weiterhin auf diesem Weg begleiten.

Ihr

Ola Källenius

Der Vorstand